Dietrich von Hildebrand: Die sittlichen Grundlagen der Völkergemeinschaft
Das Heftchen mit dem Titel “Die sittlichen Grundlagen der Völkergemeinschaft” von Dietrich von Hildebrand ist für mich in besonderer Weise ein Dokument der Zeitgeschichte. Es wurde es am 27. März 1947 von Dr. Josef Habbel in Regensburg publiziert und trägt die Freigabe der US-Militärbehörde (Office of Military Gouvernment Information Control - Division Licence No. US-E-158). An der Lizenznummer erkennt man dass es zu den ersten Genehmigungen in der Amerikanischen-Zone gehörte. Das Heftchen musste ohne Wissen des Autors herausgegeben werden: “Dietrich von Hildebrand, vom nazionalsozialistischen Staat verfolgt und ausgebürgert, ist seit einigen Jahren Professor für Philosophie in News York. Der Verleger hat deshalb gegenwärtig nicht die Möglichkeit mit ihm in Verbindung zu treten, er glaubt aber im Sinne seines verehrten Lehrers zu handeln, wenn er heute die beiden Aufsätze Zur Begrenzung des Staates und Die sittlichen Grundlagen der Völkergemeinschaft als Sonderdruck aus dem Sammelband Zeitliches im Lichte des Ewigen herausbringt” schreibt der Herausgeber im Vorwort.
Der katholische Philosoph Hildebrand wandte sich gegen die antisemitischen Tendenzen in den christlichen Kirchen (v.a. in den 1920/30iger Jahren stark verbreitet), gegen Nazionalsozialismus und Kommunismus. 1933 floh er aus Deutschland nach Österreich, nach dem Anschluss über die Schweiz nach Frankreich. Als Frankreich besetzt wurde, wanderte er über Brasilien in die USA ein, wo er 1977 starb. Er gilt als einer der ganz großen katholischen Philosophen des 20. Jahrhundert.
Obwohl ich nicht gerade verdächtig bin, ein treuer Anhänger der katholischen Kirche und Lehre zu sein finde ich die beiden Aufsätze von Hildebrand beeindruckend, schon deshalb, weil diese so zeitlos sind. “In der Diskussion über Wesen und Kompetenzen des Staates finden wir heute vielfach Anschauungen vertreten, die in ihrer extremen Gegensätzlichkeit gleich weit von der Wahrheit entfernt sind. Von der einen Seite wird der Staat aller Würde und Autorität entkleidet und als bloßer Zweckverband für die Interessen der Einzelnen auf die Stufe einet Interessengemeinsschaft herabgedrückt. Von der anderen Seite wird er mit unbegrenzten Kompetenzen ausgestattet, sein Sein für ein höheres, wertvolleres erklärt als das der einzelnen Person, ja unter Umständen vergottet.” Da sage noch jemand, das stimme heute nicht mehr.
Es ist einfach schade, dass gerade die kleinen, deutschsprachigen Werke von Hildebrand in Vergessenheit geraten und wahrscheinlich in absehbarer zeit verschwinden. Papier ist so vergänglich. Vielleicht kann ich die beiden Aufsätze abtippen lassen. Scannen würde das Heftchen zerstören.

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